Rezension bpd Bundeszentrale für politische Bildung 

20.06.2012

 

Harald Beer geriet einmal 1946 in der SBZ in die Mühlen sowjetischer Militärjustiz und nochmals 1961 in die der DDR-Justiz bzw, des MfS - in beiden Fällen in Zusammenhang mit Fluchtversuchen. Er durchlief "NKWD-Keller" in Wismar, Schwerin und Magdeburg und nach dem Urteil eines Sowjetischen Militärtribunals (SMT) das Speziallager Sachsenhausen. Verurteilt wurde er 1947 zu der damals ungewöhnlich niedrigen Strafe von fünf Jahren Zwangsarbeit wegen Beihilfe zum Illegalen Überschreiten der Zonengrenze in Richtung Westen. Mit Auflösung der Spezialager wurde er in Februar 1950 freigelassen und ließ sich in Westberlin nieder. Knapp zwölf Jahre später, wenige Wochen nach dem 13. August 1961, wird er an der thüringisch-bayerischen Grenze am Autobahnkontrollpunkt festgenommen, weil er von einem Autobahnparkplatz in der DDR eine Frau im Kofferraum seines Kleinwagens über die Grenze zu bringen versucht hat. Beer kommt in die MfS-Untersuchungshaftanstalt Gera und wird sechs Wochen später wegen "Menschenhandels" zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er verbringt die Haftzeit in den Gefängnissen Schloss Osterstein bei Zwickau und Untermaßfeld. Am 23. Mai 1963 wird er an der Glienicker Brücke in Berlin gegen einen in der Bundesrepublik wegen Verbreitung von KPD-Propagandamaterial inhaftierten Eisenbahnern ausgetauscht.

 

In den beiden Hauptteilen des Buches berichtet er über die Verhaftungen, die Strafprozesse sowie die Untersuchungs- und Haftzeiten. Die Dokumente umfassen etwa 100 Druckseiten. Während das Strafverfahren vor dem SMT und die Haft imSpeziallager Sachsenhausen den Erlebnissen Hunderter bis 1950 in der SBZ verhafteter Deutscher ähneln, stellen das Strafverfahren 1961 und vor allem der Austausch an der Glienicker Brücke 1963 Sonderfälle dar, wie sie bis zum Beginn der 60er Jahre selten vorkamen. Dazu gehört, dass er von Rechtsanwalt Wolfgang Vogel verteidigt wurde, der auch, wenngleich erfolglos, Berufung einlegte. Ungewöhnlich ist der Austausch eines für die MfS letztlich wenig interessanten Bundesdeutschen gegen einen DDR-Bürger, der ebenfalls für das SED-Regime nicht besonders wichtig gewesen sein dürfte.

 

Auch noch etwa 50 Jahre nach seinen Erlebnissen schildert Beer eine Fülle von Einzelheiten in den Untersuchungsverfahren, aus den Strafprozessen und aus der Haft. Dazu gehören Berichte über zahlreiche Mitgefangene, zum Beispiel über den Strafrechtsdozenten der Juristischen Fakulität Jena Harry Patzer, der wegen kritischen Bemerkungen in seinen Lehrveranstaltungen in die Mühlen der DDR-Justiz geraten war und zu acht Jahren Haft verurteilt worden sein soll. Harald Beers Schilderungen sind nüchtern, wenngleich nicht ohne Emotionen, und gelegentlich selbstkritisch; er informuiert auch über Verbesserungen der Haftbedingungen im Speziallager ab 1948.  Die Dokumente, zum Teil ergänzt durch erkläuternde Texte des Autors, beziehen sich zu jeweils etwa der Hälfte auf die sowjetische Repression bis 1950 und auf das MfS und die DDR-Justiz.