Rezension von Friedrich Rudolph

in "Der Stacheldraht" Nr. 7/2011

der Verbandszeitschrift der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG)

 

"Schreien hilft Dir nicht ..."

 

Dieser Titel steht eigentlich ein bißchen im Gegensatz zur Art und Weise, in der Autor Harald Beer die beiden Lebensabschnitte seiner politischen Haft erzählt: Sachsenhausen 1946 bis 1950 und Thüringen 1961 bis 1963. Wenn bei der Lektüre Emotionen geweckt werden, so nicht wegen der emotionalen Schilderung, sondern durch die Ereignisse selbst. Obgleich ein Zeitzeugenbericht,ist dies ein hochreflektierter Text. Beer merkt immer wieder an, wenn er sich an bestimmte Ereignisse nicht erinnern kann oder seiner Erinnerung nicht mehr ganz traut. Nach bestem Wissen und Gewissen also.

 

 

Beide Haftstrafen haben ähnliche Gründe, die Anlässe sind nur mittelbar politisch. 1946 zeigt der 17jährige Harald Beer einer ihm unbekannten Frau den Weg von der sowjetischen in die britische Zone, weil sie ihn darum bittet. Er begleitet sie nicht einmal, dennoch wird er als "gewerblicher Grenzführer" zu fünf Jahren verurteilt. Das nächste Mal ist es bereits Oktober 1961, wenige Wochen nach dem Mauerbau. Wieder wird Beer von einer Fremden angesprochen, die ihn auf einem Rastplatz an der Transitstrecke fragt, ob er sie im Auto nach Westdeutschland schleust. Auch hier folgt der Autor keinem oppositionellen Programm, doch der Bau der Mauer hat ihn empört, und Freiheit ist ihm ein wichtiges Gut. Die Flucht scheitert, die junge Frau erhält 15 Monate, Beer hingegen wegen Anstiftung zur Republikflucht drei Jahre Gefängnis. 1963 wird er ausgetauscht und kann in die Bundesrepublik zurückkeheren.

 

Den Beschreibungen der Hafterlebnisse schließt sich ein fast 100seitiger Abschnitt mit Dokumenten und Rechercheregebnissen an. Vielleicht ging es dem Autor darum, die subjektiven Berichte zu objektivieren. Was auch immer seine Motive gewesen sein mögen, das Resultat ist außerordentlich. Dieser Anhang dient bei weitem nicht nur als Beleg für Behauptetes. Er liest sich ebenso spannend wie der Hauptteil und wirft teilweise noch einmal grundsätzliche Fragen auf, etwa, ob die Haftbedingungen im Lager Sachsenhausen den Zweck der Tötung verfolgten oder nicht.

 

Sehr ungewöhnlich, sehr informativ, Sehr empfehlenswert.