Rezension in Band 30 der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED Staat

 

Beer, Harald: Schreien hilft Dir nicht.

Ein Augenzeugenbericht mit Dokumentenanhang

Leipzig:

Leipziger Universitätsverlag 2011, 249 Seiten, 24,-- €

 

Einen ganz anderen Zugang zur Thematik bietet das letzte zu besprechende Buch: Der erschütternde Augenzeugenbericht Harald Beers, der sowohl das sowjetische Speziallager Sachsenhausen als auch diverse DDR-Gefängnisse erleiden musste. Nachdem er im November 1946 als Siebzehnjähriger einer ihm unbekannten Frau aus Hilfsbereitschaft den Weg zur Zonengrenze gezeigt hatte, wurde er von einem Sowjetischen Militärtribunal als so genannter „Grenzführer“ zu „nur“ fünf Jahren Strafarbeitslager verurteilt (damals eine vergleichsweise milde Strafe), die er bis zur Amnestie im Januar 1950 in Sachsenhausen verbüßen musste.

 

Angesichts der erlebten Repressalien ist es erstaunlich, wie gut es dem Autor gelingt, Distanz zu seinem Gegenstand zu gewinnen. Beer ist sich bewusst, wie unzuverlässig die menschliche Erinnerung ist, wie oft das unbewusste Bedürfnis, eigene Handlungen positiv darzustellen, die Realität verzerrt. Deshalb stellt er seine Erinnerungen immer wieder in Frage und versucht sie mit Berichten anderer Häftlingen und verfügbaren Dokumenten abzugleichen, die er teilweise auch seinem Erlebnisbericht hinzufügt. Er hat auch Verständnis für die spezifischen Schwierigkeiten der Historiker, gerade die Speziallager sachgerecht zu behandeln, da sich die Haftbedingungen schon in Sachsenhausen je nach Zeit und Ort der Inhaftierung stark unterschieden.

 

Beer selbst verbrachte zunächst mehr als ein Jahr im sogenannten Ostlager in der außerhalb des zentralen Hauptlagers gelegenen „Zone II“, in dem von sowjetischen Militärtribunalen Verurteilten gefangengehalten wurden: Diese dämmerten meist auf dreistöckigen Pritschen eng nebeneinander liegend in geschlossenen Baracken vor sich hin, gepeinigt von immerwährendem Hunger, Legionen von Wanzen und Flöhen, sadistischen „Barackenältesten“ samt ihren Schlägertrupps, Durchfall-erkrankungen und TBC. Etwas Hoffnung gab es mit der Öffnung der Baracken im Frühsommer 1947, die Häftlinge konnten sich nun den Großteil des Tages an der frischen Luft bewegen, miteinander sprechen und sich einfachen handwerklichen Tätigkeiten mit selbstgebastelten Werkzeugen zuwenden. Trotz dieser Erleichterungen erlebte Beer kurze darauf die erste große Sterbewelle, er selbst überlebte nur knapp eine Ruhrerkrankung. Im Sommer 1948 wurde Beer dann in die weit bessere Bedingungen bietende „Zone I“, also das Stammlager, verlegt, wo die H#äftli9Häftlinge Häftlinge zum Teil sogar in Außenarbeitskommandos das Lager verlassen durften.

 

Der Autor glaubt die Zeit in Sachsenhausen nur deshalb überstanden zu haben, weil er, wie die meisten seiner Mithäftlinge, die Gesamtsituation, die Sorgen der Angehörigen usw. soweit wie möglich verdrängte. Als andere wesentliche Teile des Kampfs ums Überleben nennt er Kunst, Kultur und Handwerk, die keineswegs angenehme Freizeitbeschäftigungen gewesen seien. Vielmehr hätte der instinktive Überlebenswille mehr als nur Brot verlangt, jeder Einzelne bäumte sich gegen seine Situation auf, indem er versucht habe, etwas „Eigenes“ zu schaffen, seien es Feuerzeuge, Schnitzereien oder sogar ein Theaterstück.

 

Trotz des verzweifelten Kampfes der Häftlinge um ihr Leben war die Sterberate sehr hoch, die Zahl der Toten kann nur geschätzt werden. Die offiziellen statistischen Angaben der Sowjets sind unzuverlässig, mindestens jeder dritte Häftling hat das Speziallager nicht überlebt. Beer nimmt sogar an, dass 40 000 der etwa 60 000 Sachsenhausen-Häftlinge nach 1945 im Lager starben und wirft die berechtigte Frage auf, ob man angesichts dieser Zahlen und des bewusst grausamen Haftregimes gerade in „Zone II“ tatsächlich jede Tötungsabsicht der Sowjets verneinen sollte. Zumindest wurde das massenhafte Sterben toleriert, ein Menschenleben war hier wie auch sonst in Stalins Herrschaftsbereich nichts wert.

 

Wenige Stunden nach seiner Entlassung verließ Beer den sowjetischen Einflussbereich mit einer S-Bahn nach West-Berlin. Mit dem Mauerbau wurde elf Jahre später auch dieses letzte Schlupfloch für potentielle DDR-Flüchtlinge verstopft. Einige Wochen danach wurde der inzwischen in Nürnberg ansässige Autor auf einem Parkplatz der Transitstrecke von einer jungen Frau angesprochen, die ihn bat, sie über die Grenze zu schmuggeln. Erneut geriet Beer in die Fänge der „Sicherheitsorgane“ und musste für seine Hilfsbereitschaft eine Odyssee durch verschiedene Gefängnisse antreten, diesmal als „Bundesbürger“. Absurderweise wurde er zu drei Jahren Gefängnis wegen „Anstiftung zu Republikflucht“ verurteilt und erhielt damit eine härtere Strafe als die Frau, die die Grenzer in seinem Kofferraum aufspürten. Doch glücklicherweise wurde er im Mai 1963 gegen einen Reisbahnschaffner ausgetauscht, der wegen Propaganda für die DDR in westdeutscher Haft saß – auch das hat es gegeben.

 

Dem Buch sind viele vor allem junge Leser zu wünschen, weil Harald Beer sich trotz des ihm widerfahrenen Leids nicht von Hass und Rachegefühlen treiben lässt und es ihm gelingt, damit ein sehr glaubwürdiges Zeugnis des Schicksals der politischen Häftlinge in der SBZ/DDR abzulegen.

Steffen Alisch