Rezension von Baldur Haase, Jena

in „Forum Politikunterricht“ - FPU 2/12, Juli 2012

 

 

Der Vortragsraum in der „Gedenkstätte Amthordurchgang“ e.V. im thüringischen Gera ist bis auf den letzten Platz besetzt. Der Autor des Buches, aus Hamburg angereist, war vor 51 Jahren schon einmal hier an diesem Ort. Damals allerdings unfreiwillig, als Untersuchungshäftling der Bezirksverwaltung Gera des Ministeriums für Staatssicherheit. Politische Häftlinge der DDR hat die in Chile lebende Witwe Erich Honeckers im Frühjahr dieses Jahres in einer ARD-Dokumentation als „Kriminelle“ beschimpft. In ihren Augen wäre Harald Beer sogar ein unverbesserlicher Rückfall-täter. Beide Taten sind ähnlich. Er liest, sichtlich bewegt, aus seinem Buch vor, wie es dazu kam.

Ohne den geringsten Nutzen oder Vorteil hatte er 1946 einer älteren Frau, der er zufällig begegnet war, auf ihre Bitte hin einen Weg gezeigt, auf dem man, damals recht einfach noch, aus der sowjetischen Besatzungszone in die britische gelangen konnte. Eine westliche Zigarette bekam er als Dank zugesteckt. Verurteilt von einem sowjetischen Militärgericht zu fünf Jahren Lagerhaft, durchlebte er eine Hölle auf Erden. „Das Sterben war in dieser Zeit eine Selbstverständlichkeit, gehörte zum Alltag wie der Gang zur Toilette.“

Im Oktober 1961 benutzte Harald Beer als Bundesbürger die Autobahn-Transit-strecke von Westberlin, wo er seine Mutter besucht hatte, in Richtung seines damaligen Wohnortes Nürnberg. Beim Halt auf einen Parkplatz, in der Nähe des „Hermsdorfer Kreuzes“, kam er mit zwei jüngeren Frauen ins Gespräch, die mit einem Motorroller unterwegs waren. Eine der beiden (Irmgard F.) erzählte ihm, dass es ihr Wunsch sei, zu ihrem Vater und ihrem Bruder in den Westen zu gelangen. Die Berliner Mauer war noch keine zwei Monate alt. Seine Empörung über dieses Bauwerk, das Familien und Freunde trennte, war noch gegenwärtig. Ohne lange zu überlegen, entschloss er sich, ihr zu helfen und versteckte sie im Kofferraum seines Kleinwagens. An der Grenze wurden sie geschnappt. Das Bezirksgericht Gera verurteilte ihn zu drei Jahren und sie, die Mitangeklagte Irmgard F., zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis.

Sachlich und knapp, aber dennoch informativ, berichtet er über beide Haftzeiten, wobei die in der DDR verbüßte nicht von Hunger, Misshandlungen und Todesängsten geprägt war. Und er erzählt von Haftkameraden, die aus unter-schiedlichen Gründen der politisch motivierten Willkür der sowjetischen Besatzungsmacht und später der des MfS und der DDR-Justiz ausgesetzt waren. Sogar der DDR-Staranwalt spielt eine Rolle, denn er legte Berufung gegen das Urteil ein, die allerdings erfolglos blieb.

Harald Beer stellt sich selbst die Frage, weshalb er sich erst nach Jahrzehnten dazu entschloss, sich mit diesem Buch an die Öffentlichkeit zu wenden und gibt Antworten darauf. Wenn es in der Verlags-Ankündigung heißt, dass mit diesem Buch ein ganz persönlicher Bericht entstanden ist, der ein bedrückendes Kapitel der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte der SBZ/DDR dokumentiert und weit über den Rahmen individueller Memoiren hinausgeht, kann man dem durchaus zustimmen. Ihm geht es hauptsächlich nicht darum, vergangenes Unrecht anzuprangern. „Jedes Opfer unmenschlicher Politik motiviert mich, dieses Buch zu schreiben …“, schreibt er in der Einleitung. Insofern kann es nicht ausschließlich als historischer Rückblick angesehen werden. Unrecht, Gewalt und Terror sind allgegenwärtig, auch in der Welt von heute.

Der Autor beendete unter Applaus seinen Vortrag. Aber er hatte noch eine Überraschung parat:

Unter den Zuhörern sitzen zwei Frauen, die sich zu erkennen geben. Es sind Irmgard F., der es gelang, doch noch vor dem Mauerfall in die Bundesrepublik zu gelangen, und ihre Begleiterin von damals auf dem Parkplatz. Nach fünf Jahrzehnten trafen sie sich mit Harald Beer wieder, zum ersten Mal.

Baldur Haase, Jena