Wie kam ich zum Schreiben?

Vielleicht war es dieser Anblick, der mich dazu veranlasste, meinen Bericht über das Lager Sachsenhausen, dem ehemaligen KZ, das von den Sowjets nach 1945 weiter geführt wurde, zu schreiben.

 

Gleich nachdem die Mauer gefallen war, besuchte ich Sachen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg und natürlich auch die Gedenkstätte Sachsenhausen. Dort, hinter diesem weitläufigen Areal begrenzte die Mauer mit diesem Wachturm die für Besucher zugängliche Fläche. Und die Erinnerungen an 1947 brachen durch:

 

Dort, wo jetzt der schöne, grüne Kiefernwald wächst, standen damals die Holzbaracken des berüchtigten Ostlagers der zweiten Zone, dem schlimmsten Ort im  "Speziallager 7" von 1947, das eigens von den Sowjets erbaut wurde, um für Verurteilte - von sowjetischen Militärgerichten - den nötigen Platz zu schaffen. Und genau hinter diesem Wachturm stand damals die Baracke 50.

 

Im Geist erlebte ich wieder, was damals geschah. Ich sah die zugestrichenen Fenster, das Dunkel in der Baracke. Ich sah wieder die dreistöckigen Pritschen, auf denen ich dicht an dicht mit den Anderen zusammengepfercht dahindämmerte. Ich erlebte im Geist die Brotausgabe, erinnerte mich an die "Scheißerei" - medizinisch ausgedrückt "Dysenterie" - an der ich fast krepiert wäre.

 

Und zwangsläufig musste ich mich fragen: Warum wird dieser Ort versteckt? Wer ist dafür verantwortlich, dass dieser Platz nicht in die Gedenkstätte integriert wurde. Und ich fragte mich weiter: "Soll ich das einfach schweigend hinnehmen?"

 

Zu dieser Zeit hatte ich schon ein paar Erinnerungen aus meiner Haft nach dem Mauerbau geschrieben. Eigentlich nur so für mich; mehr Hobby als Schriftstellerei. Jetzt aber sollten meine Erinnerungen nicht nur bei mir in einer Schublade verschimmeln. Jetzt war ich entschlossen, ein Buch zu schreiben. Ich wollte mich dagegen wehren, dass diese schlimme Zeit der jüngsten deutschen Geschichte unter den Teppich gekehrt wurde.

 

Da ich meinen eigenen Erinnerungen nur bedingt traute, suchte ich nach anderen Quellen, damit mein Erlebnisbericht nicht durch die lange, vergangene Zeit "entstellt"  würde, sondern der Wahrheit, der Realität uneingeschränkt entsprechen müsse. Ich fand zahllose Bücher von Historikern und Forschungsinstituten, die sehr sorgfältig an Hand russischer Unterlagen und Zeitzeugenberichte wissenschaftlich die Zustände in der damaligen SBZ der Nachkriegszeit untersuchten und dokumentierten. Für mich wertvolle und nicht ersetzbare Quellen. Hier konnte ich feststellen, dass meine Erinnerungen durch diese wissenschaftlichen Arbeiten voll bestätigt wurden. Aber auch Bücher von Zeitzeugen - oft im Eigenverlag erschienen - gaben mir zusätzliche Informationen. So gelang es mir, auch für Historiker neue Erkenntnisse zu finden.

 

Mit diesem Buch will ich insbesondere den "normalen" Leser erreichen. So verzichte ich auf Fußnoten und setze lieber Anmerkungen ("A") und Dokumente ("DOK") an das Ende, dem dritten Teil des Buches.