In U-Haft

In meinem Buch berichte ich auch von den Schicksalen der Mitgefangenen. Hier der Bericht von dem Volkspolizisten Toni Lehmann:

 

"Er  ist ein ganz anderer Typ als Werner Schlegel. Er, der Wachtmeister, steht da, zerknittert, blass. Das ist also einer der Vopos, denke ich und sehe ihn mir etwas aufmerksamer an. Der Vopo ist klein, höchstens einszweiundsechzig, sehr zierlich. Scheint ein sensibler Typ zu sein. Farblos wirkt er, spricht unakzentuiert, ohne Kraft in der Stimme. Verkehrspolizist war er, regelte mit einem Stock und einer Trillerpfeife den Verkehr an einer Geraer Kreuzung.

Würde er auf Menschen schießen können? Er ist so zart, sieht so traurig aus. Das blau-weiß gestreifte Anstaltshemd hat er oben ordentlich zugeknöpft. Wenn der Schließer den Schlüssel ins Schloss steckt, springt er als erster auf und stellt sich vorschriftsmäßig mit dem Rücken zur Tür. Immer antwortet er zackig „Jawoll, Herr Unteroffizier“ oder auch „Nein, Herr Unteroffizier“.

Verkehrspolizist war er also; König einer Kreuzung in Gera.

„Dass mir das passieren musste“, klagt er, „ausgerechnet mir! Nie war ich unpünktlich. Die Uhr hätte man nach mir stellen können. Und wenn der Dienst mal länger dauerte, ich hab mich nie beschwert. Immer habe ich mich eingesetzt. Aber jetzt ...“. Er nickt bestätigend.

<Und wenn man dir wieder eine Uniform gibt, wenn du wieder deine Kreuzung, dein Königreich zurückbekommst, dann wirst du wieder treu und zuverlässig deine Pflicht erfüllen.>

Ich denke das nur, spreche es nicht aus. Es macht keinen Sinn, diesen Vopo hier im Knast noch zu kritisieren.

„In die Partei wollte ich. Das ist jetzt auch vorbei,“ unterbricht Toni meine Gedanken. Dann fährt er fort:

„Ich war schon Kandidat der SED. Und ausgerechnet mir musste das passieren. Keinem Menschen habe ich je etwas zu Leide getan. Immer war ich anständig, habe manches Mal ein Auge zugedrückt.“

Ja, das glaube ich ihm. Dieser Toni Lehmann ist nicht rabiat, ist kein Sadist, ist nicht einer von den Scharfen. Er mag ein schwacher Mensch sein, kann sich wohl kaum eine eigene Meinung bilden, und ich schätzte ihn als einen hilfsbereiten Menschen ein. Nein, der Volkspolizist Toni Lehmann gehört nicht zu den Schweinen. Aber dieser ehemalige Vopo ist noch nicht fertig mit seinem Selbstmitleid:

„Nein“, trauert er, „dass es mich so getroffen hat. Mein ganzes Leben ist zerstört. Ich kann nie wieder Volkspolizist sein. Angeschrieen haben sie mich, Verräter und Saboteur haben sie mich genannt. Und dann musste ich die Uniform ausziehen. Das war das Schlimmste.“

Dann erzählt Toni von seinem Fall. Leidenschaftslos, monoton plätschern die Worte dahin, verbinden sich zu Sätzen voller Resignation. Er spricht von seiner Mutter aus Köln, von ihrem Besuch in Gera, der Wiedersehensfreude nach vier Jahren Trennung. Er spricht von seiner Frau, die hier im gleichen Untersuchungsgefängnis in irgendeiner Zelle sitzt und auf ihr Urteil wartet. Er lässt verblassende Bilder wieder erstehen:

Zu dritt saßen sie abends im Wohnzimmer, sprachen über die Belanglosigkeiten des Alltags und von der Reise von Deutschland nach Deutschland.

„Doch, bei der Reise verlief alles glatt. Auch an der Grenze ging alles ohne Schwierigkeiten“, erzählte die Mutter in ihrem thüringisch/kölnischem Dialektgemisch:

„Ob ich Angst hatte? Natürlich hatte ich Angst. Eure Vopos hatten zwei aus dem Zug geholt. Aber lasst uns von was anderem reden. Das nächste Mal besucht ihr mich in Köln.“

Der Sohn räuspert sich. Die junge Frau sieht ihn mit großen, fragenden Augen an. Unten im Haus fällt eine Tür krachend ins  Schloss. Aus der Küche ist das Tropfen des Wasserhahns zu hören. Toni hat sich aufgerichtet.

„Mutti, das geht doch nicht, das musst du doch einsehen. Ich bin Volkspolizist ... “

„Und warum geht das nicht? Warum lassen eure Leute es nicht zu, dass ein Volkspolizist seine Mutter besucht?“

Die korpulente Frau bebt vor Empörung. Der mächtige Busen hebt und senkt sich. Schwer atmend wartet sie auf eine Antwort, auf eine Erwiderung, damit sie ihren Hass hinausschmettern kann.

Aber Toni schweigt. Es hat keinen Zweck, er versucht es gar nicht erst zu erklären. Er ist Volkspolizist und Kandidat für die Aufnahme in die Partei. Es ist hart für seine Mutter – Natürlich! Aber es ist doch nicht Schuld der DDR. Der Arbeiter- und Bauernstaat muss sich doch schützen. Warum entmachten denn nicht die Westdeutschen die Kapitalisten und Militaristen? Wir müssen uns doch schützen, auch wenn es mit Opfern verbunden ist. Wer sollte es denn einsehen, wenn nicht einmal er, der Wachtmeister der Volkspolizei das nicht begreift! Versuchen es die Revanchisten und Faschisten in Westdeutschland nicht immer wieder, anständige Bürger abzuwerben? Lassen sich nicht immer wieder Menschen zum Verrat an der Arbeiter- und Bauernmacht verleiten? Wird nicht dadurch unser Staat um Millionenbeträge geschädigt? Nein, es hat keinen Zweck, das seiner Mutter zu erklären.

Doch Toni unterschätzt seine Mutter. Sie versteht zwar nicht, warum ihr Sohn so an diesem SED-Regime hängt, aber sie erahnt, dass er sich nicht so mir nichts dir nichts von all dem hier trennen kann.

„Ich sehe es  ja ein, dass du nicht nach Köln kommen kannst.  Aber deine Frau könnte doch mit eurem Jungen mich mal für vierzehn Tage in Köln besuchen.“

„Und wie stellst du dir das vor?“

Als die Mutter nicht antwortet, ergreift Anita das Wort:

„Ja Mama, wie stellst du dir das vor?“

Sie ist in ihrem Sessel hoch gerutscht, hat ihren ganzen Körper nach vorn gebeugt und erwartet von ihrer Schwiegermutter eine Antwort.

„Wie ich mir das vorstelle? Ganz einfach. Ihr fahrt nach Berlin und von dort fliegt ihr nach Köln. Das Flugticket bezahl ich euch.“

 In Anitas Kopf wirbeln die Gedanken: Vierzehn Tage Urlaub in Köln. Vierzehn Tage Ausgelassenheit ohne Politparolen. Vierzehn Tage Schaufensterbummel, vierzehn Tage gute Seife, vierzehn Tage Bananen, Apfelsinen und Kokosnuss. Schuhe würde sie kaufen. Perlonstrümpfe würden nur zwei Mark kosten. Parfum, echtes französisches Parfum – Frau Tolle von unten würde vor Neid platzen. Vierzehn Tage Urlaub in Köln – Ein Märchentraum!

Toni springt aus seinem Sessel. Kerzengerade steht er jetzt vor seiner Mutter, bedrohlich. Er steht da, die Fäuste hat er geballt. Hier, in seinem Wohnzimmer muss er seinen Staat gegen seine Mutter verteidigen. Nein, so weit darf es nicht kommen. Nein, keine DDR, keine Volkspolizei oder SED darf ihn veranlassen, Gewalt gegen seine Mutter anzuwenden. Eben stand er noch voller Gewaltbereitschaft, jetzt sacken seine Schultern herunter, sein Rückgrat krümmt sich. Er geht zur Tür. Sein Blick ist auf den Boden geheftet.

„Anita ist erwachsen. Sie muss selbst wissen was sie tut. Was soll ich denn sonst noch sagen!“

Während er die Zimmertür hinter sich schließt, murmelt er noch:

„Ich muss jetzt zum Dienst.“

 

Am 16. August 1961 meldete sich Frau Anita Lehmann nach einem vierzehntägigen Urlaub in Köln bei der Grenzpolizei.

Am 18. August 1961 fragt Toni Lehmann, der Volkspolizist, den vernehmenden Leutnant des Staatssicherheitsdienstes:

„Ich hätte meine Mutter wegen Anstiftung zu Republikflucht festnehmen müssen? Meine Frau hat doch nur vierzehn Tage Urlaub gemacht.

Und dann musste ich meine Uniform ausziehen. Das war das Schlimmste.“