Vorwort Prof. Dr. Günter Morsch

 

Harald Beer war gewissermaßen ein „Wiederholungstäter“: Aus seinem individuellen Freiheitsdrang heraus förderte er passiv oder aktiv zwei Mal die Fluchtmöglichkeiten fremder Menschen – zuerst aus der Sowjetischen Besatzungszone im Nachkriegsdeutschland, sodann aus der Deutschen Demokratischen Republik. Die unerbittlichen Repressionsorgane der UdSSR beschuldigten und verurteilten Harald Beer als angeblichen „Beihelfer“ des illegalen Grenzübertritts. Die Unterdrückungsapparate der DDR bestraften den „Westdeutschen“ als tatsächlichen Unterstützer einer versuchten „Republikflucht“.

Die Haft in den Speziallagern und Gefängnissen der UdSSR auf ostdeutschem Territorium von 1945 bis 1950 sowie in den späteren DDR-Haftstätten war ganz wesentlich geprägt durch Willkür, strenge Isolation von der Außenwelt, Mangel an allem Existenznotwendigen sowie psychische oder physische Gewalt. Deshalb bedeutete Gefangenschaft für Zigtausende der Häftlinge eine extreme Leidenszeit oder sogar den Tod. Im Kontrast zu der eher nüchternen Forschungsliteratur beschreibt Harald Beer sehr eindringlich seine erlittene Haft in sowjetischen Untersuchungsanstalten, im so genannten Ostsektor der Zone II des Speziallagers Nr. 7/ Nr. 1 in Sachsenhausen und in DDR-Gefängnissen. Auf diese Weise bewahrt ein Überlebender seine vielen Erinnerungen und Gedanken als ein wichtiges Zeugnis für Nachgeborene. Seine persönlichen Erfahrungen des rechtlosen Alltags, der despotischen Ausnahmesituation sowie der individuellen und kollektiven Qualen in zweifacher Untersuchungshaft und im doppelten Strafvollzug beeindrucken tief. 

 

Solche detaillierten und ungeschminkten Darstellungen, die sich die überlebenden Opfer trotz  der sie begleitenden Erinnerungsschmerzen abringen, sind viel ergreifender als all das, was Historiker oder andere Außenstehende zu schildern vermögen. Denn der Alltag der Häftlinge stellt sich in den Berichten der Täter hauptsächlich als gefühllose Kolonnen von Zahlen und Daten dar. Was vermögen uns die Berichte über die  Kalorienzahlen der Ernährung oder die Diagnosen der Ärzte auf den Totenlisten über das erfahrene Leid, die alltägliche Qual des Überlebenskampfes wirklich zu sagen? Die Vorstellung derjenigen, die das Glück hatten, nie in einem Lager eingesperrt zu sein, versagt dabei zumeist.  Unverzichtbar und unersetzlich sind daher die Erinnerungen der Zeitzeugen; ohne sie würde ein wichtiger Teil der Geschichte von Unterdrückung und Haft wahrscheinlich vergessen werden.

Seit der deutschen Einheit sammelt die Gedenkstätte Sachsenhausen daher systematisch die Erinnerungen der überlebenden Häftlinge des sowjetischen Speziallagers. Mehrere Hundert sind es inzwischen, die in unserem Archiv aufbewahrt werden und die, wie eine kürzlich erschienene Publikation über die Geschichte der Speziallager erneut beweist,  unverzichtbare Quellen darstellen. Viele dieser Zeitzeugenberichte liegen in Form von Interviews vor, andere als handschriftliche Notizen, Briefkorrespondenz oder Manuskripte. Wenige überlebende Zeitzeugen finden die Kraft, ihre schriftlich niedergelegten Erinnerungen so aufzubereiten, dass sie in einem Verlag publiziert werden können. Harald Beer ist dies gelungen, dafür ist ihm von ganzem Herzen zu danken. Ich wünsche seiner Publikation eine denkbar breite Leserschaft, die sich, wie vom Autor sicherlich gewünscht, mit seinen Erinnerungen und Darstellungen aktiv auseinandersetzt.

 

Oranienburg im Mai 2011

 

 

Prof. Dr. Günter Morsch

Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

Leiter der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen