Heute ist der 11. Januar 2012 - Vor etwa einem Halben Jahr erschien mein Bericht. Ich habe in der Zwischenzeit Lesungen gehalten, das Buch wurde positiv in der Presse beurteilt und viele private Briefe oder Mails erreichten mich. Gestern nun schrieb mir Gerda H. - eine mir unbekannte Dame aus Niedersachsen:

 

"Nun sitze ich hier und lese fast Unfassbares. Das ist völlig anders als abstrakte Berichte über den Unrechtsstaat namens DDR. Immer wieder lege ich das Buch auf die Seite, weil ich so viel beschriebene Gemeinheiten kaum aushalte, weil ich versuche, mich in Ihre Rolle zu versetzen ...

Ich bin nur in der Lage jeweils einige Seiten zu lesen, um für die übrige Zeit des Tages wieder frohe Gedanken aufkommen zu lassen. ..."

 

Und beim Lesen dieser oder ähnlicher Zeilen wird mir klar: Etwas Wesentliches, etwas wirklich Wichtiges habe ich gar nicht oder zu mindest nicht deutlich genug "rüber gebracht":

Sicher gehörte ich zur Gruppe der Opfer. Aber im Gegensatz zu der großen Mehrzahl gehörte ich zu der kleinen Opfergruppe, die unglaubliches Glück hatten.

 

Ein russisches Militätgericht verurteilte mich nicht nach dem berüchtigten Artikel 58 StGB der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjet-Republik zu 10, 15, 25 Jahren oder zum Tode wegen Spionage, Werwolf oder einem x-beliebigen anderen, erfundenen Verbrechens. Nein, der Richter verurteilte mich nach Artikel 59 StGB der RSFSR zu nur 5 Jahren. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht dachte er an seine eigenen Kinder.

 

 

Und wie war das 1961? Nein, mein Prozess wurde nicht zu einer politischen Show, in der ein skrupelloser Mädchenhändler den Beweis lieferte, dass der Mauerbau - als Schutzwall gegen den Imperialismus - der Regierung des Ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden keine andere Wahl lies, als eben diesen "Schutzwall" zu errichten. Nein, die Vorbereitungen zu einem Showprozess wurden abgeblasen, ich wurde zu nur drei Jahren verurteilt, einer sehr geringen Strafe für ein Staatsverbrechen. Ich kam nicht nach Bautzen oder Niederschönhausen, nein ich wurde in den für DDR-Bürger normalen Strafvollzug überführt. Ich hatte wieder Glück. Ich - im Gegensatz zu den wirklichen Opfern - wurde nicht gefoltert, musste nicht frei gekauft werden und musste auch nicht die volle Strafe absitzen. Ich verlor nicht - wie viele "normale" Häftlinge aus der DDR - meinen Beruf, meinen Besitz, meine Existenz, mein gesellschaftliches Ansehen. Nein, ich kehrte unversehrt in meinen Alltag im Westen zurück. Was für ein Glück!

 

Mein glückliches Schicksal aus zwei Haftzeiten dokumentiert die Ausnahme, das Glück eines politischen Gefangenen, der so glimpflich davon kam - Im Gegensatz zu den Tausenden, die kein Glück hatten.

Erst, wenn man meinen Bericht liest und erkennt, dass ich einer der Wenigen war, die Glück hatten, kann man die Unmenschlichkeit politischer Justiz erkennen und begreifen, ganz gleich, aus welchem Lager die Menschenverachtung kommt.